Gesundheitsfehlpolitik

ANSICHTEN

Dieses Kapitel gibt mir Gelegenheit, interessierte Patientinnen und Patienten intensiv mit meinen Ansichten zu langweilen.

Der Titel könnte auch lauten:

Bin ich überhaupt der richtige Arzt für Sie?

1. Einführung, Terminplanung
2. Welche Medizin mache ich?
3. Spielen Naturheilverfahren eine Rolle?
4. Homöopathie
5. Erfahrungsmedizin
6. Sparen, sparen
 

1. Einführung: zurück
Die Arztpraxis Wunderlich gibt es in Ahrweiler nun schon seit 1970. Gegründet hat sie mein Vater, Alberto Wunderlich, dem von Anfang an meine Mutter Anna Elisabeth zur Seite stand und dazu verhalf, eine der größten Praxen des Kreises daraus zu machen. Angefangen mit der Ausbildung, die meine Eltern mir ermöglichten, habe ich in der gemeinsamen Praxiszeit von 1995 bis 1998 viel von meinem Vater lernen können. Für beides bin ich meinen Eltern dankbar und versuche, den Geist der Praxis in ihrem Sinne fortzuführen. zurück

Zu diesem Geist gehört vor allem Nächstenliebe, eine fachlich fundierte, gewissenhafte Behandlung und eine gute Organisation. An meinem Vater habe ich immer bewundert, dass er darüber hinaus nie im Kampf gegen die Krankheit aufgegeben hat. Wenn ein Patient ein Problem hat, sollte man seiner Ansicht nach dieses zu seinem eigenen machen und hartnäckig nach einer Lösung suchen, auch wenn man unkonventionelle Wege gehen muß. Mein Vater ist auch in dieser Hinsicht der beste Arzt, den ich kenne. Sein oberstes Ziel war immer das Wohl des Patienten und nicht der Klüngel mit anderen Ärzten oder Apothekern. Deshalb wird er mir immer das Beispiel ärztlichen Handelns sein. zurück

Terminplanung: zurück
In der Regel werden Sie ein fast leeres Wartezimmer vorfinden und sich vielleicht wundern, daß ein Arzt mit so wenig Patienten überhaupt überleben kann. Der Schein trügt. Inzwischen betreuen wir jedes Quartal um die 1000 Patienten (Stand 10/2005). Eine durchschnittliche Fallzahl in einer kleinstadt. Hinter einem leeren Wartezimmer steckt viel Planung und ein Praxisteam hochqualifizierter Arzthelferinnen, die jeden einzelnen Patienten und jeden Arbeitsablauf in einer Allgemeinarztpraxis mit breitem Spektrum genau kennen. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, ergibt es sich auch von selbst, daß eine fröhliche, zufriedene Arbeitsstimmung herrscht, in der jeder versucht, für den anderen mitzudenken und zu -arbeiten, in der jeder Handgriff sitzt, man sich oft nur durch Gesten und Handzeichen miteinander verständigt, damit Sie als Patient maximal zufrieden sind und Ihr Recht auf Diskretion gewahrt bleibt.zurück

Für konstruktive Kritik und Anregungen sind wir jederzeit offen und bitten sogar darum!

Ihr Team:
Ricardo Wunderlich
Karin Wunderlich
Anke Brunsch- Radbruch
Marius Günther
Katrin Alter
Irmgard Hohenbleicher

Daniela Lofing
Liesel Perser
 

2. Welche Medizin mache ich? zurück
Die Medizin, der ich mich verschrieben habe, ist wissenschaftlich fundiert und basiert auf langjähriger Erfahrung vieler Wissenschaftler und einfacher Ärzte. Manche Menschen nennen sie Schulmedizin, was ich als Beleidigung empfinde. Kein Arzt in Deutschland hat Medizin in der Schule gelernt. Leider hat sich meine Medizin durch ihre zunehmende Technisierung und Standardisierung immer weiter von den Menschen entfernt. 
Zum Einen stellen manche medizinische Wissenschaftler und praktizierende Ärzte ihre Gewinn- und Profilierungssucht vor alles andere. Zum Anderen liegt den großen Konzernen die gewinnbringende Vermarktung neuer Mittel und Methoden sehr am Herzen, sie investieren viel Geld in Werbung, die uns beeinflusst. Deshalb kann ich gut verstehen, dass viele Menschen unserer modernen Medizin skeptisch gegenüberstehen. Eine gesunde Portion Skepsis halte ich auch für angebracht. Wenn Sie immer nachfragen, warum was wie gemacht wird, hält das auch uns Ärzte wach und lässt, uns nicht in den Trott der Routine fallen. Sie helfen dadurch, dass Dinge, die schon immer so gemacht wurden, ständig hinterfragt werden. Dadurch erst lebt unsere Medizin und verbessert sich ständig!
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3. Spielen Naturheilverfahren eine Rolle? zurück
Meiner Ansicht nach sind ca. 80 Prozent der Naturheilmethoden Humbug. Die heute praktizierte normale Medizin stützt sich ja auf die Naturheilkunde der vergangenen 400 Jahre, in großem Maße auf die in Klöstern gepflegten Pharmakopöen. Viele der dort aufgeführten Heilmittel und Kräuter haben sich als unwirksam erwiesen und sind aus unserem Repertoir gestrichen. Die guten Heilmittel der vergangenen Jahrhunderte wollen wir natürlich weiter nutzen. Wenn wir etwas Neues entdecken, das besser ist und weniger Nebenwirkungen hat, sollten wir uns aber auch nicht scheuen, darauf umzusteigen. Selbstverständlich bergen die innovativen, künstlich hergestellten Mittel auch ein gewisses Risiko (man weiß ja nie, was genau passiert). Vielleicht sollte ich zur Beruhigung dazusagen, daß neue Arzneimittel nur dann von den Behörden zugelassen werden, wenn ihr Wirkungsmechanismus im Körper genau bekannt ist. Aber ganz ohne Risiko geht es nie. Um das Risiko für den Einzelnen zu vermindern, sind Tierversuche und Versuche an Menschen unabdingbar, natürlich mit größtem Bedacht und Gewissenhaftigkeit. Schändlicherweise werden die Menschenversuche zunehmend in Ländern der dritten Welt durchgeführt, damit uns wertvollen Industriemenschen auch ja nichts passiert, aber das ist ein anderes Thema. Was Naturheilmittel angeht, bin ich aus oben genannten Gründen davon überzeugt, daß ein paar gute Mittel der heutigen Konsum- und Werbegesellschaft zum Opfer gefallen sind. Diese wiederzuentdecken ist eine vornehmliche Aufgabe. Ich hoffe auf den forschenden Teil unserer Ärzteschaft, die Professoren, dass sie sich darum kümmern.  zurück

4. Homöopathie zurück
Die Homöopathie vertritt die Ansicht, dass eine Krankheit mit dem Mittel heilbar ist, das die gleichen Symptome eben dieser Krankheit auszulösen vermag. Man muss das Mittel nur in sehr kleinen Dosen geben, um den Körper umzustimmen. Im einfachsten Fall gibt man jemanden, der eine Bienengiftallergie hat, nach einem Bienenstich in kleinsten Dosen Bienengift (apis), zum Beispiel in der Verdünnung eines Tropfens Bienengift auf eine Badewanne voller Wasser. Das hört sich zunächst einmal lächerlich an, zumal niemand einem solchermaßen von der Biene malträtierten Menschen, der vielleicht schon der Erstickung naht, derartige Versuche zumuten würde.
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Nimmt man aber einen Menschen, der an einer Allergie mit Quaddeln am ganzen Körper leidet, Symptome ganz ähnlich der einer Bienenvergiftung, dem bisher nichts half und die Ursache der Allergie nicht gefunden werden konnte, dann halte ich einen Versuch mit diesem Bienengift für gerechtfertigt. Meine Erfahrung bestärkt mich in vielen Bereichen bei diesem Vorgehen. Ich habe einige Patienten, die eine wahre Odyssee an Hautärzten und Unikliniken hinter sich hatten und die ich mit homöopathischen Mitteln heilen konnte.
Ich habe sehr viele Patienten, die ich durch wissenschaftlich anerkannte Verfahren heilen konnte. Wo meine so geliebte wissenschaftliche Medizin versagt, bin ich zu jeder Schandtat bereit. Wenn diese Naturheilmittel auch in Einzelfällen helfen können, sollte man sich nicht durch Werbung und Sensationsberichte dazu verleiten lassen, sie als Maxime der Heilkunst zu betrachten. In Fällen, bei denen ich eine gut verträgliche, wirkungsvolle Behandlung kenne, halte ich nichts davon, mit weniger hilfreichen, eventuell nebenwirkungsreicheren Naturheilmitteln zu behandeln.
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Die heute zur Verfügung stehende Medizin ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Wir sollten gemeinsam an ihr arbeiten und sie verbessern. Sich von ihr abzuwenden halte ich aber für falsch. Insbesondere finde ich es absolut verwerflich, wenn Eltern ihren wehrlosen Kindern ausschließlich Naturheilmittel zumuten. Das ist zwar heutzutage Mode, so wie die antiautoritäre Erziehung vor zwanzig Jahren Mode war. Aber danken wird man es diesen Eltern in der nächsten Generation sicher nicht. Wenn im Jahre 2030 Ihre Tochter gesagt bekommt, ihr Herzklappenfehler sei wahrscheinlich auf eine übergangene Mandelentzündung in der Kindheit zurückzuführen, glaube ich nicht, dass ihre erste Reaktion Dankbarkeit für die naturreiche Behandlung sein wird. Deshalb sollte an erster Stelle immer erfahrungsmedizinisch, also wissenschaftlich erprobte Therapie stehen. Erst wenn diese versagt, kann man reinen Gewissens versuchen, Alternativen zu finden.
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5. Erfahrungsmedizin zurück
JA!!
Aber bitteschön Erfahrung auf breiter Front. Erfahrung sollte nicht heißen, dass jeder Arzt, Therapeut, Homöopath, Heilpraktiker oder sonstiger Mensch an den Patienten seine Erfahrung sammelt. Diese Vorgehensweise ist gefährlich. Deshalb halte ich von “Erfahrungsmedizinern” nichts, da sie genau das unter Erfahrungsmedizin verstehen. Oder fänden Sie es gut, wenn Ihr Arzt seine Erfahrungen an Ihnen sammeln würde?, In erster Linie sollten Erfahrungen weltweit gesammelt, katalogisiert, diskutiert, in Frage gestellt, noch einmal beobachtet, wieder diskutiert und dann erst als allgemeingültig erklärt werden. Für diese verantwortungsvolle Aufgabe bezahlen wir (sehr begabte) Gelehrte, die bei uns Professoren heißen. zurück
Diese Erfahrungen sollten an uns niedergelassen tätige Ärzte weitergegeben werden. Knoledge- bases und Expertensysteme sollten uns zur Verfügung stehen, damit wir unserer Aufgabe, evidence based (vernunftorientiert) den uns Anvertrauten zu helfen, besser nachkommen können. Die Realität sieht leider anders aus. Nicht nur Homöopathen und Heilpraktiker kochen, jeder für sich, ihr eigenes Süppchen. Auch unter uns Ärzten gibt es viel zu wenig Erfahrungsaustausch. Die für die Qualitätssicherung zuständige kassenärztliche Bundesvereinigung und die Bundesärztekammer machen nichts in dieser Richtung. Kollege A will Kollegen B nicht seine Geheimrezepte verraten, da ihn gerade diese so unersetzlich und für seine Patienten so anziehend machen. Meine Hoffnung aus dieser Misere, die sich durch ganz Deutschland und wahrscheinlich darüber hinaus zieht, ist das Internet. In meiner Vision gibt es Möglichkeiten, mit anderen Allgemeinärzten anonym zu diskutieren (chatten), Erfahrungen auszutauschen, über Probleme zu reden. Das Forum wird in meinem Traum moderiert von einem Universitätsprofessor, der die Quintessenzen der Erfahrungen sammelt und ohne finanzkräftige Unterstützung einer großen Firma eine Studie entwirft und durchführt, die die Erfahrung der chattenden Ärzte bestätigt oder widerlegt. Das wäre eine Art, Erfahrungen zu sammeln, die mir behagt. Vielleicht kennen Sie ein solches Forum. Bitte mailen Sie es mir! zurück

Sparen, sparen: zurück
Ein leidiges Thema unserer Zeit. Ich kann Ihnen soviel versichern, dass ich mich stets bemühe, für meine Patienten das Beste herauszuholen. Ich lese immer aufmerksam meine Statistiken durch und versuche, bei hundert Prozent der Ausgaben zu liegen, die mir für meine Patienten zustehen. Damit können Sie sicher sein, dass Sie bei mir keine schlechtere Qualität an Heil- und Hilfsmitteln erhalten, als in einer anderen Praxis. Leider sind die Mittel, die Ihnen von Seiten der Gesundheitspolitik zustehen, knapp begrenzt. Deshalb sind alle Ärzte gezwungen zu sparen. Die Situation wird durch zwei Dinge verschärft:
1. Die Statistiken, die ich darüber erhalte, ob ich meinen Patienten zuviel oder zuwenig verschrieben habe, sind immer ca. ein Jahr alt. Aktuelle Informationen stehen uns Ärzten nicht zur Verfügung.
2. Wenn ich Ihnen zuviel aufschreibe, darf ich das aus eigener Tasche bezahlen. Die Politik kennt hierzu zwei Wege. Im ersten Fall werden bei bundesweiter Ausschöpfung der Mittel alle Kassenärzte zur Kasse gebeten.
Der zweite und unangenehmere ist der, dass ich mit den anderen Allgemeinärzten der Umgebung verglichen werde. Liege ich deutlich über deren Verordnungsvolumen, muss ich vor einen Prüfungsausschuss aus selbsternannten Fachleuten der Krankenkassen und Kassenärzte, denen ich meine Überschreitung begründen kann.
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Ich habe solch einer Prüfung meines Vaters beigewohnt, es ähnelt einer Inquisition, Vorverurteilung inclusive. Mein Vater musste damals (1995) einen Betrag von ca. 40.000 DM für Überschreitungen der Jahre davor bezahlen. Er nahm einen Kredit auf. Schlimmer für Ihn war die für Ihn unwürdige Erniedrigung durch den Prüfungsausschuss, der sich seine (aufwendig recherchierten und in schlaflosen Nächten ausgearbeiteten) Begründungen garnicht durchgelesen hatte! Auch die dem Prüfungsausschuss beiwohnenden Ärzte kaprizierten sich darauf, meinem Vater die Fachkompetenz abzusprechen. Er hat sich wacker geschlagen, im Endeffekt konnte er die Strafe aber nur etwas herunterhandeln.
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3. Es gibt nur wenig wirklich bindende Richtlinien für uns Ärzte (weil die Politiker immer zu feige sind, selbst Verantwortung zu übernehmen). Wenn ich Ihnen eine Massage verweigere, wird der Kollege nebenan ihnen die vielleicht erst mal aufschreiben, um Sie als Patient zu behalten. Dafür muss er dann aber an anderen Ecken sparen. Wenn ein Arzt z.B. viele Salben und Naturheilmittel auf Kassenrezepten verschreibt, fehlt ihm das Geld zur Behandlung von Patienten mit Diabetes oder Herzerkrankungen. zurück

Im Prinzip stimmt also der abgedroschene Kassenspruch “ALLES, was Ihr Arzt für richtig hält, bezahlen wir Ihnen natürlich”. Gott sei Dank wird den Kassen politischerseits mittlerweile auch etwas auf die Füße getreten, sodass diese Pseudowahrheit den Patienten immer weniger durch Kassenmitarbeiter mitgegeben wird. Aus oben genannten Gründen verstehen Sie vielleicht, warum wir Ärzte sparen. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass die Mittel für wichtige Behandlungen ausreichen, wenn man unwichtige Dinge weglässt und Behandlungen mit einem guten Preis- Heilungsverhältnis bevorzugt. zurück
Besonders gelitten haben unter diesen Prämissen die Masseure und Krankengymnast(inn)en, die der Gesundheitsfehlpolitik der vergangenen Jahrzehnte zum Opfer gefallen sind. Ein hochqualifizierter Berufszweig wurde weitgehend wegradiert, statt ihn im Laufe mehrerer Dekaden mit Bedacht auf ein sinnvolles Maß zu reduzieren. Politik denkt halt olympiadisch. Ein guter Politiker dächte sicher über einen längeren Zeitraum. Verwirklicht werden aber meist die Ziele, die der Karriere der nächsten vier Jahre nützen.
Deshalb werde ich aus reinem Selbsterhaltungstrieb morgen wieder mit Ihnen darüber diskutieren müssen, ob dieses oder jenes sinnvoll oder zweckmäßig ist, um für dringend notwendige Behandlungen Luft zu haben. Wenn Sie trotzdem bei mir bleiben, können Sie sicher sein, dass Sie im Alter, wenn Sie schwer krank sind und sich vielleicht nicht mehr so wehren können, Alles von mir erhalten, was Sie brauchen. Ich bin ganz stolz darauf, dass ich laut letzter Statistik bei Krankengymnastiken an der Obergrenze lag, bei Rentnern etwas darüber, bei jungen Mitgliedern etwas darunter. Das ist für mich nicht sehr werbewirksam, spiegelt aber mein ärztliches Ethos wieder: Nimm es den (an Gesundheit) Reichen und gib es den Bedürftigen (u.a. Alten).
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PS. Diesen Text habe ich ca. 1998 geschrieben. Jetzt haben wir Ende 2010. Die Tochter eines sehr lieben Patientenehepaares brachte mich dazu, ihn noch einmal zu lesen. Zwei Rechtschreibefehler habe ich gefunden. Im .